This post is also available in: enEnglish (Inglese)

Ein interkultureller Zwischenfall sorgt für Schlagzeilen. Was kann man daraus lernen?

Inhaltsverzeichnis:

·   Das Ereignis
·       Die Eskalation, oder: Salvini schafft es, in einem einzigen Post gleichzeitig falschzuliegen und recht zu haben
·       Die interkulturellen Probleme auf italienischer Seite
·       Im Ausland konnten wir nicht erklären, wie schrecklich die Mafia ist. Nicht einmal im Nachbarland Österreich
·       Überlegungen und Schlussfolgerungen
o   Was die Italiener tun müssen
o   Und „die anderen“?
Überprüfung der Unternehmenspolitik: internationale und interkulturelle Kommunikation ist sehr wichtig!

(eine Version für ItalienerInnen auf Italienisch findet man hier: LINK)

Das Ereignis

Vielleicht hat jemand das schon mitbekommen. Oder auch nicht. McDonald’s Austria hat vor einiger Zeit mit einer Werbung auf sich aufmerksam gemacht. In ein italienisch-österreichischem Wortspiel wird dem Verb „mampfen“ und dem italienischen Nomen  „mafioso“ eine verwandtschaftliche Basis nahegelegt. Die Anzeige ist jene von dem „Italian Summer“:

Tatsächlich war das Problem bereits vor einigen Tagen auf italienischen Blogs und Social Media Auftritten aufgetaucht. Alles startete mit einem in Österreich arbeitenden Sizilianer, der eine Werbebotschaft erhalten hat, in der genau diese Werbung zitiert wurde.

Ich hätte fast geschrieben, „wie man sich vorstellen kann, hat er sich empört“. Aber genau darum geht es hier. Nicht jeder kann es sich anscheinend vorstellen.

Nun, hier geht es noch nicht um Matteo Salvini. Der Sizilianer hielt die Nachricht anscheinend für eine kühne Targetisierung (= targeting), also für eine zielgerichtete Werbung… die irgendwie schlecht targetisiert wurde. Sprich: «Sizilianer = Mafia». Das war selbstverständlich nicht der Fall, wie es sich herausgestellt hat, aber das wusste der Sizilianer nicht.

So lag der Sizilianer nur zum Teil falsch. McDonald’s Österreich hat sich entschieden, für die Werbung für den „Italian Summer“ ein mafiabezogenes Wortspiel anzuwenden. Das ist schon ärgerlich genug, oder zumindest sieht es so für Personen aus, die sich wie ich z.B. an den Tod von Falcone und Borsellino erinnern, oder die wissen, wie die Mafia nicht nur Leben, sondern auch die Wirtschaft, die Arbeitswelt und die Umwelt zerstört. Übrigens geschieht das nicht nur in Süditalien. Die Camorra hat nicht nur im (europäischen) Bankwesen die Hände im Spiel, sondern auch an der Baubranche im Norden beteiligt. Die verschiedenen „Mafie“ wie etwa die kalabresische ‘Ndrangheta sind auch in Deutschland und Österreich aktiv, jedoch nicht in der folkloristischen Weise, die man aus Verfilmungen kennt. Es sei denn, es kommt zu einer Schießerei wie in Duisburg. Es geht auch nicht um die berühmten und befürchteten Formen der Kontrolle des Gebiets, über die sich vielen ausländischen Gäste erkundigen. Die Frage ist: Sind Leute in dem deutschsprachigen Raum überhaupt bewusst, dass die Mafie nichts Folkloristisches sind? Im Gegenteil haben sie sich in eine fortgeschrittene wirtschaftliche und finanzielle Macht umgewandelt. 

Die Eskalation, oder: Salvini schafft es, in einem einzigen Post gleichzeitig falschzuliegen und recht zu haben

Innenminister Matteo Salvini hat vermutlich einen guten Social Media-Beauftragter, wo „gut“ für zweckmäßig steht. Er nutzt Facebook und Twitter optimal (eben: für seine Zielgruppe), postet und kommentiert wie ein Teenager, und liebt Beitrage zum Thema… Essen.

Vorurteile über die ItalienerInnen, halt?

Eben. Er greift selbst zu diesen Vorurteilen. Mobilisierung und Personal Branding, Note: 10 (eine 1 in Deutschland und Österreich, ein A in der angelsächsischen Welt). In Übereinstimmung mit dem redaktionellen Plan seiner sozialen Präsenz lässt Matteo Salvini einen Beitrag über McDonald’s nicht aus. Es ist zwar weder ein traditionelles Fest, noch irgendwelches, einem gewissen Gericht oder Lebensmittel gewidmetes Festival, noch etwas mit Nutella – ein national-globaler Stolz nach Italienischer Sicht – aber dennoch ist es Essen.

Da fangen die Probleme an.

„Selbstverständlich“ sieht er eine deutschsprachige Schrift und denkt an Deutschland, weil Österreich und die deutschsprachige Schweiz eh nicht existieren. Vielleicht dachte er, es sei ja nicht so schlimm, weil er Innenminister und nicht Außenminister ist…  J

Davon abgesehen… ja, Salvini hat diesmal ausnahmsweise recht. 

Ja, ich weiß. Ich habe es geschrieben.

Ein großer Teil der Italiener im Ausland ist von der Mafia angewidert. Daher wird die fortgesetzte Verwendung von mafiabezogenen Namen in der Gastronomie oder in anderen Bereichen als ärgerlich, wenn nicht sogar beleidigend, empfunden.

Eines muss man sagen: In den Gemeinschaften der ItalienerInnen im Ausland gibt es zu diesem Thema keine Übereinstimmung. Es gibt diejenigen, die diese Referenzen akzeptieren, weil sie nicht zu viele hitzige Diskussionen mit den Einheimischen führen möchten; manche tolerieren sie hingegen überhaupt nicht, und andere dulden sie, weil sie ein schlechtes Gewissen haben.

Vor einiger Zeit gab es auch eine Petition, um mafia-inspirierte Namen von Lokalen und Gerichten zu entfernen, aber ich fürchte, sie wurde einfach vergessen.

Um den heißen Brei herumzureden ist nutzlos. Die ungeschminkte Wahrheit über Fremdsprachen, Übersetzung und Interkulturalität kann man nur bei mir finden.

Die interkulturellen Probleme auf italienischer Seite

Manche vermuten, dass Salvini gezielt Deutschland erwähnt hat, weil die Bundesrepublik in der Darstellung der europakritischen und europafeindlichen Rechten seit Jahren „der Feind“ Italiens ist. Stimmt das? Keine Ahnung. Für mich „riecht“ diese Erklärung nach einer Verschwörungstheorie.

Ich denke eher, dass Salvini wie die meisten ItalienerInnen kaum weiß, dass es auch Österreich und die deutschsprachige Schweiz gibt. Südtirol, Liechtenstein, Luxemburg und die deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien wären die fortgeschrittene Stufe. Wir werden uns nur mit den besten Studierenden über Namibia unterhalten, um niemanden zu überfordern.

Leider gibt es auch ein anderes Problem: und darum geht es in dem nächsten Absatz.

Im Ausland konnten wir nicht erklären, wie schrecklich die Mafia ist. Nicht einmal im Nachbarland Österreich

Ich folge verschiedenen österreichischen Medien, aber am öftesten lese ich „Der Standard“. Soweit ich weiß, ist diese Zeitung eher „links“, ohne Kommunist oder Sozialist zu sein. (Man merkt es auch aus den Kommentaren). Deswegen bin ich auf diesen Artikel gestoßen:

https://www.derstandard.at/story/2000106539334/salvini-protestierte-auf-twitter-gegen-oesterreich-werbung-von-mcdonalds

Man würde denken, dass man auf einem Forum von einer links oder mitte-links-ausgerichteten Zeitung ein bisschen mehr Verständnis für die Empörung der ItalienerInnen finden würde. Hingegen merkt man, dass die Kommentare eher den Angriff auf Salvini zum Inhalt haben. Und diese Aussage ist schon an sich sehr interessant: Mein Bild von einem „mitte-links“ Leser entspricht der österreichischen Realität nicht.

Hier sind einige Kommentare, die ich für die deutschsprachige Version in einer kurzen Fassung kommentiere, da die Übersetzung nicht notwendig ist.

Klar: die Werbung sagt nicht, dass alle Italiener Mafiosi sind. Der Benutzer versteht jedoch nicht, dass die Werbung schon aufgrund des leichtherzigen Gebrauchs des Begriffs „Mafia“ bereits ernst ist. Wenn man implizit den Zusammenhang zwischen den ItalienerInnen und der Mafia unterstützt, wie es diese Werbung tut, kann man sich schon eine gewisse Empörung erwarten. Wieso implizit einen Zusammenhang? Die McDonald’s-Initiative heißt immer noch „italienischer Sommer“ … ein kleiner Zweifel kann aufkommen, glaube ich!

Immaginate la settimana austriaca, Stellen Sie sich eine österreichische Woche vor

Wenige BenutzerInnen haben das Problem verstanden. In Österreich ist das Konzept, dass die Mafia gefährlich ist, nicht so klar: Da die Mafia im Ausland als eine Art folkloristisches Phänomen gilt, wird sie von vielen als Spaghetti, Pizza, Vespa usw. angesehen. Insbesondere mein Screenshot zeigt, dass die Auswirkungen der Mafia in den gängigsten Darstellungen und in den in Österreich zirkulierenden Chroniken minimiert sind. So schlimm wie es klingt, haben die ausgezeichneten Fritzl- und die NSDAP-Vergleiche durchaus ihre Berechtigung.

Einige, andere Kommentare konzentrieren sich lieber auf die Tatsache, dass Salvini sagte, dass die Werbung das Konzept der „Italiener alle Mafia“ passieren würde, oder auf die Kritik an Salvini und an die Rechten. Alle Kommentare erhielten viele Zustimmungen. Einer denkt immer noch, dass die Mafias nur mit einer politischen Partei Geschäfte machen, was nicht wahr ist. Viele Upvotes für die Kommentare gegen Salvini, viele Downvotes für die Kommentare, die unsere Empörung erklären.

Überlegungen und Schlussfolgerungen

Normalerweise kommt auf dieser Stelle eine überkomplizierte Aussage, die eine innovative Theorie entwickelt und erläutert. Das wird hier nicht der Fall sein: Ganz im Gegenteil muss ich ganz einfache Überlegungen teilen.

Was die ItalienerInnen tun müssen

Wie ich oben erwähnte, geht das Problem auch und oft von den Italienern selbst aus, die im Ausland problemlos Namen für Lokale und Gerichte verwenden, welche von der Mafia inspiriert sind, oder die die Verwendung dieser Namen durch die Einheimischen nicht kritisieren. Was Italien betrifft: Jemand hat mir berichtet, dass es in Sizilien Italiener gibt, die mafia-inspirierte Souvenirs verkaufen, aber ich konnte nie überprüfen, ob es wahr ist oder nicht. Bitte schreiben Sie mir in den Kommentaren, wenn Sie direkte Erfahrungen dazu haben.

Und „die anderen“?

Einige verstehen genau, was die Mafia ist. Einige schaffen es auch, eine korrekte und verständliche Parallele in ihrer Kultur zu ziehen. Viele andere lassen sich von der (politischen oder sonstigen) Farbe derer ablenken, die sich beschweren. Sehr vielen fällt es schwer, den Punkt zu verstehen.

Manche wären sogar neugierig, aber ich fürchte, es gibt nur sehr wenige italienische Beiträge auf ordentlichem Englisch oder Deutsch. Ich hatte zum Beispiel vor langer Zeit zwei Antworten auf Quora auf Englisch geschrieben, aber ich habe nicht so viele Upvotes erhalten:

https://www.quora.com/How-active-is-the-Italian-Mafia-these-days-in-Italy/answer/Felicita-Ratti

https://www.quora.com/What-two-places-does-the-Italian-mafia-have-the-most-influence/answer/Felicita-Ratti

Überprüfung der Unternehmenspolitik: internationale und interkulturelle Kommunikation ist sehr wichtig!

In diesen Fällen ist das Problem jenes, worüber wir ItalienerInnen uns in so vielen Fällen beschweren. Wenn es darum geht, in einer Fremdsprache zu kommunizieren oder sogar in einer Fremdsprache und / oder interkulturell zu kreieren und zu kommunizieren, verlieren selbst erfolgreiche Unternehmen das Interesse oder sie entscheiden sich fürs Sparen statt fürs Investieren. Glauben Sie wirklich, McDonald’s hat nicht das Geld, um –  je nach Bedürfnis – professionelle, hochwertige SprachlehrerInnen, ÜbersetzerInnen und BeraterInnen zu bezahlen? Natürlich hat sie es.

Das Problem ist, dass viele Leute denken, dass diejenigen, die eine fünfjährige Ausbildung in einer Fremdsprache in der Schule abgespult haben, sich ausnahmelos ausreichend ausdrücken. Selbstverständlich wird es auch in dieser Kategorie positive Ausnahmen geben, die sich auch außerhalb der Schule engagiert haben, um ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen und am Laufenden zu halten. Jedoch sieht es für die Mehrheit ganz anders aus. Manche Personen und/oder Betriebsleitungen denken, dass sie sich schließlich mit „der App“ verbessern können. Gegebenenfalls kann man immerhin mit Google Translate (bzw. Übersetzer) übersetzen!

Da ich jahrzehntelang unterrichte und übersetze, weiß ich das: Selbst große Unternehmen machen große strategische Fehler. Zum Beispiel: wenn sie denken, dass sie nach 10 Lektionen Italienisch – manchmal alle unter Stressbedingungen – Ihre Mitarbeiter nach Italien (bzw. in die neue Niederlassung auf der Halbinsel) schicken können, oder dass Ihre MitarbeiterInnen mit Matura/Abitur alles übersetzen können, und das sogar in alle möglichen Richtungen. Ferner habe ich oft das Gefühl, dass eine gewisse Meinung in Österreich sehr verbreitetet ist: etwa, dass geografische Nähe und ein gewisser kultureller Austausch oder Urlauber ausreichen, um sich untereinander zu verstehen.

McDonald’s verdient definitiv die Kontroverse – ja, auch wenn sie in den Medien durch Salvini groß herausgekommen ist. Alles in allem ist es aber leider dem Konzern egal, denn anscheinend wird es von einigen ItalienerInnen in Österreich boykottiert und das war’s.

Ich frage mich jedoch: Wollen wir wirklich, dass unsere Marke so schlecht aussieht? Möchten Sie, dass Ihre Marke so aussieht?

Und wenn Sie keine „Marke“ haben: Inwieweit kann ein solcher Fehler Ihrem Privat- und / oder Geschäftsleben schaden?

Habe ich Tipp- oder Bearbeitungsfehler verpasst? Lädt die Seite nicht gut? Ich führe derzeit große Umbauarbeiten in meinem Blog und meiner Website durch und bin Ihnen daher dankbar, wenn Sie mir sagen, was los ist! Grazie!

Pubblicato da FrauInhaberin82

Translator, language teacher, intercultural consultant. | Übersetzerin, Sprachlehrerin, interkulturelle beraterin. | Traduttrice, insegnante di lingue, consulente interculturale.

Lascia un commento

Leave a Reply | Kommentar | Commento

Questo sito usa Akismet per ridurre lo spam. Scopri come i tuoi dati vengono elaborati.

%d blogger hanno fatto clic su Mi Piace per questo: